Was verbindet die Reformation mit der Soziokultur?

500.PNGEin berühmter Satz Martin Luthers lautet: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Dahinter steht der Gedanke, aufrecht und ungebrochen dem Wohl der Menschen zu dienen. Es geht um die Gleichzeitigkeit einer verantwortungsvollen Freiheit und einer mitmenschlichen Solidarität.

Freiheit meint nicht nur die Freiheit des Andersdenkenden, sondern die Freiheit und damit Ebenbürtigkeit aller Menschen - theologisch vor Gott, weltlich vor uns und der Gesellschaft. Die individuelle Freiheit im Zusammenspiel mit einer Verantwortungsübernahme für das Gemeinwesen zeichnet ein Menschenbild, dessen Geist nicht nur die Soziokultur mit der Reformation verbindet, sondern auch viele Errungenschaften der Moderne.

Den reformatorischen Geist trägt auch die Soziokultur, die als eine stark am Gemeinwohl orientierte Kultursparte im Kern einen gesellschaftlichen Gestaltungsanspruch trägt. Die Wurzeln soziokultureller Arbeit trugen und tragen immer etwas Reformatorisches. Ausdruck dessen waren bereits die Volkshäuser der Arbeiterkulturbewegung, die einer aufstrebenden Arbeiterklasse Selbstbewusstsein und Emanzipation versprachen und der Massenverelendung entgegen wirken sollten. Dafür standen auch viele jungen Menschen, die in den 70er Jahren in der alten Bundesrepublik für eine neue Kulturpolitik eintraten und die gesellschaftlichen Verhältnisse kritisierten. Selbst die Gründerjahre der DDR legten dem Konzept der Kulturhäuser etwa Reformatorisches in die Wiege, wenngleich daraus auch etwas Diktatorisches geworden ist. Zuletzt lösten in den ausgehenden 80er Jahren viele Kulturmacher in Ostdeutschland ihren reformatorischen Anspruch ein, indem sie Akteure der friedlichen Revolution wurden und den demokratischen Aufbau mitgestalteten. Soziokultur im 21. Jahrhundert beschreibt eine Kultur, die sich neuen gesellschaftlichen Herausforderungen stellt – demografischer Wandel, Inklusion, Umweltschutz, Armut, Chancengleichheit - und für eine bessere Gesellschaft streitet. Etwas im Kern reformieren zu wollen setzt ein politisches am Gemeinwohl orientiertes Interesse voraus und den Mut und die Fähigkeit das Existierende zu hinterfragen, aufrecht und frei zu denken. Dabei spielt es keine Rolle, ob man Atheist, Christ, Jude oder Moslem ist – es ist der Geist, der die Soziokultur mit dem Anliegen der Reformation und besonders des Reformationsjubiläums verbindet und er ist es wert erhalten und immer wieder erinnert zu werden.

Anne Pallas
Geschäftsführerin Landesverband Soziokultur Sachsen e.V.
(konfessionslos)

  

  

Beitrag zuerst erschienen in: „In Verantwortung vor Gott und für die Menschen“ Themenheft der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens in Zusammenarbeit mit dem Freistaat Sachsen
Zum Jahr der Lutherdekade: Reformation und Politik 2014, S. 60