Mehr als Geld: Kultur ist Infrastruktur – und Soziokultur ist mittendrin

Das Gespräch beim Sächsischen Theatertreffen in Zittau mit Michael Kretschmer (Ministerpräsident des Freistaats Sachsen) und Simon Strauß (Autor und Theater-Kritiker der FAZ) moderiert von Daniel Morgenroth (Intendant des Gerhart-Hauptmann-Theaters) hat eine wichtige Frage aufgeworfen: Was braucht eine Gesellschaft, wenn öffentliche Kassen enger werden und gleichzeitig der gesellschaftliche Zusammenhalt unter Druck steht?

Die Antwort darf nicht allein lauten: Was können wir uns noch leisten?

Aus Sicht der Soziokultur muss die Frage anders gestellt werden: Welche kulturelle Infrastruktur braucht eine Gesellschaft, damit Menschen vor Ort teilhaben, sich begegnen und ihr Gemeinwesen mitgestalten können?

 Kultur ist mehr als ein Angebot

Im Gespräch über Kulturförderung, Theater und die Kultur in der Fläche wird deutlich, dass Kultur weit mehr ist als ein Angebot, das man konsumiert. Kulturelle Orte sind Orte der Begegnung, der Bildung und der Verständigung. Sie stiften Bedeutung und ermöglichen Gemeinschaft. Genau deshalb ist es folgerichtig, Kultur als Teil gesellschaftlicher Infrastruktur zu begreifen.

Diese Perspektive ist für die Soziokultur nicht neu. Soziokulturelle Zentren arbeiten seit Jahrzehnten dort, wo Kultur, Bildung, Jugend, Gemeinwesen und demokratische Beteiligung zusammenkommen. Sie schaffen Räume, in denen Menschen nicht nur Zuschauer*innen sind, sondern selbst aktiv werden, Ideen entwickeln und Verantwortung übernehmen. Gerade in kleineren Städten und ländlichen Räumen können sie damit eine Funktion erfüllen, die weit über die klassische Kulturveranstaltung hinausgeht.

Deshalb greift es zu kurz, wenn bei der Frage nach „Kultur in der Fläche“ vor allem darüber gesprochen wird, wie bestehende große Kulturinstitutionen stärker in die Fläche ausstrahlen können. Die Perspektive sollte sich umkehren: Welche kulturellen Strukturen sind bereits vor Ort gewachsen, welche Bedürfnisse gibt es dort – und wie können Menschen ihre kulturellen Räume selbst mitgestalten?

Kultur in der Fläche heißt nicht nur: Theater in die Fläche bringen

Genau hier zeigt sich auch ein zentraler blinder Fleck der Debatte: „Kulturinstitution“ wird noch immer stark mit Theater gleichgesetzt. Das Gespräch beginnt beim Theater und bleibt in weiten Teilen in einem institutionellen Kulturverständnis. Wenn etwa über Kulturraumtheater gesprochen wird, die an mehreren Orten verwurzelt sind und in die Fläche ausstrahlen sollen, ist das zweifellos ein interessanter Ansatz. Aus Sicht der Soziokultur reicht er jedoch nicht aus.

Denn die Bewegungsrichtung bleibt dabei häufig: große Institution → Fläche. Soziokultur denkt vielfach umgekehrt: Ort → Menschen → Bedürfnisse → Beteiligung → Kultur. Das ist ein fundamentaler Unterschied. Ein Kulturraumtheater kann an verschiedenen Orten gastieren. Ein soziokulturelles Zentrum kann dagegen gemeinsam mit den Menschen vor Ort entwickeln, welche Themen, Formate und Räume überhaupt gebraucht werden. Es geht damit nicht nur um die Verteilung kultureller Angebote, sondern um die Frage, wer Kultur gestaltet und wie kulturelle Infrastruktur entsteht.

Auch die im Gespräch formulierte Forderung nach mehr Freiheit und weniger staatlicher Verhinderung verdient Zustimmung. Kultur braucht Gestaltungsspielräume. Innovation entsteht selten dort, wo jede Entwicklung in engen Förderlogiken und kurzfristigen Projektzyklen geplant werden muss. Wer von Kultureinrichtungen mehr Eigenverantwortung, neue Ideen und gesellschaftliche Öffnung erwartet, muss ihnen dafür allerdings auch verlässliche Rahmenbedingungen geben.

Dabei sollte auch die Gegenüberstellung von „Stadt“ und „Land“ nicht zur entscheidenden Trennlinie werden. Die wichtigeren Fragen lauten: Gibt es Zugang oder Ausschluss? Beteiligung oder Passivität? Entstehen lebendige Orte oder soziale Leerräume? Kulturelle Teilhabe ist keine Frage des Wohnortes allein. Sie ist eine Frage der vorhandenen Strukturen und der Möglichkeiten, die Menschen haben, ihr Umfeld mitzugestalten.

Beteiligung ist ein Kriterium für kulturelle Infrastruktur

Damit verändert sich auch die Frage, wie kulturelle Orte bewertet werden. Ein Kulturort sollte nicht allein danach beurteilt werden, wie viele Menschen ihn besuchen. Ebenso relevant ist, wie viele Menschen ihn mitgestalten können. Wo Menschen eigene Ideen einbringen, Verantwortung übernehmen und gemeinsam mit anderen Kultur entwickeln, entsteht gesellschaftlicher Mehrwert, der sich nicht allein in Besucherzahlen messen lässt.

Auch die im Gespräch formulierte Forderung nach mehr Freiheit und weniger staatlicher Verhinderung verdient Zustimmung. Kultur braucht Gestaltungsspielräume. Innovation entsteht selten dort, wo jede Entwicklung in engen Förderlogiken und kurzfristigen Projektzyklen geplant werden muss. Wer von Kultureinrichtungen mehr Eigenverantwortung, neue Ideen und gesellschaftliche Öffnung erwartet, muss ihnen dafür allerdings auch verlässliche Rahmenbedingungen geben.

Mehr Freiheit darf nicht weniger Sicherheit bedeuten.

 

Mehr Freiheit braucht verlässliche Rahmenbedingungen

Gerade in Zeiten knapper Haushalte ist deshalb eine ehrliche Debatte über Prioritäten notwendig. Doch Strukturinnovation darf nicht zum Synonym für Kürzung werden. Wenn kulturelle Orte für gesellschaftlichen Zusammenhalt, Demokratie und Lebensqualität relevant sind, muss sich das auch in einer entsprechenden Förderpolitik widerspiegeln – mit verlässlichen Strukturen, langfristigen Perspektiven und Vertrauen in die Akteur*innen vor Ort.

Bemerkenswert ist zudem die Forderung, Kultur müsse stärker mit der Gesellschaft in Kontakt kommen und vermeintliche „Blasen“ verlassen. Auch hier liegt eine wichtige Aufgabe. Aus Sicht der Soziokultur geht es allerdings weniger darum, bestimmte gesellschaftliche Milieus zu verlassen, als darum, Räume für unterschiedliche Menschen und Perspektiven zu öffnen. Soziokulturelle Arbeit setzt genau dort an: im Quartier, im Dorf, im Verein, im Jugendclub, im Kulturzentrum – mitten im Alltag der Menschen.

Kulturpolitik ist Gesellschaftspolitik 

Damit wird zugleich deutlich, warum Kulturpolitik Gesellschaftspolitik ernst nehmen muss. Einsamkeit, Polarisierung, demografischer Wandel und gesellschaftliche Transformation sind keine Entwicklungen, die außerhalb von Kultur stattfinden. Sie verändern die Bedingungen, unter denen Menschen zusammenleben. Kulturorte sind deshalb kein dekoratives Beiwerk, sondern Teil der Infrastruktur, mit der eine Gesellschaft diese Herausforderungen bearbeitet.

Die Soziokultur leistet dazu einen konkreten Beitrag: Sie schafft Räume für Begegnung, Beteiligung und Selbstorganisation und stärkt damit Demokratie, gesellschaftlichen Zusammenhalt und Resilienz. Kulturförderung ist deshalb immer auch eine Investition in die Fähigkeit einer Gesellschaft, mit Veränderung umzugehen und Zukunft gemeinsam zu gestalten.

Die Frage ist: Welche Gesellschaft wollen wir ermöglichen?

Damit verschiebt sich auch der Blick auf die Bedeutung von Kultur. Ein Kulturort sollte nicht allein danach bewertet werden, wie viele Menschen ihn besuchen. Ebenso relevant ist die Frage, wie viele Menschen ihn mitgestalten können, welche Beziehungen dort entstehen und welche Möglichkeiten zur Selbstorganisation und gesellschaftlichen Teilhabe eröffnet werden.

Nicht allein Besucherzahlen, Auslastung oder Einnahmen entscheiden darüber, ob ein Ort gesellschaftlich relevant ist. Entscheidend ist auch, ob Menschen dort Beziehungen aufbauen, sich beteiligen, Verantwortung übernehmen und erfahren, dass ihre Perspektiven zählen.

Das Gespräch in Zittau hat damit einen wichtigen Perspektivwechsel angestoßen. Die entscheidende Frage lautet nicht nur, wie wir Kultur angesichts knapper werdender Mittel erhalten können. Es geht darum, welche Gesellschaft wir mit unserer Kulturförderung ermöglichen wollen.

Wenn wir kulturelle Infrastruktur als Teil der Daseinsvorsorge verstehen, dann gehört die Soziokultur nicht an den Rand dieser Debatte. Sie ist mittendrin.

Denn Kultur ist mehr als Geld. Aber Kultur kostet auch Geld. Und wer gesellschaftliche Infrastruktur erhalten und stärken will, muss bereit sein, in sie zu investieren.

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