In zwei Projektwochen im Mai 2025 verband die GEH8 kreative Biographiearbeit mit Comiczeichnen und Schreiben und das für Menschen im Alter von 12-92 Jahren. Wer lieber zeichnete, fand einen Zugang über das Bild; wer mit Sprache vertrauter war, konnte Geschichten entwickeln. Eine Teilnehmerin beschrieb es so: “Mich hat fasziniert, wie verschiedene Blickwinkel zu einer neuen Geschichte verschmelzen. Ich habe meine eigenen Lernprozesse neu erlebt und gefestigt.”
Gearbeitet wurde mit niedrigschwelligen, partizipativen Methoden: Freewriting, Storytelling, Heldenreise, Peer-Feedback sowie Comic-Biographiearbeit. Diese Ansätze förderten Selbstwirksamkeit, Resilienz und gegenseitige Inspiration. Der Prozess war bewusst ergebnisoffen: Alle entschieden selbst, welche Erzählungen künstlerisch umgesetzt werden sollten. So entstanden humorvolle Comics ebenso wie ernsthafte Texte über Einsamkeit, Verlust oder Hoffnung. “Mir sind Flügel gewachsen”, sagte eine andere Teilnehmerin.
Die Besonderheit des Projektes lag in der Kombination zweier künstlerischer Verfahren: Comiczeichnen und kreatives Schreiben. Diese Verbindung eröffnete vielfältige Zugänge, sodass alle Teilnehmer*innen individuell eine passende Ausdrucksform finden und gleichzeitig damit auch partizipativ gearbeitet werden konnte. Während das Zeichnen schnelle, bildhafte Assoziationen ermöglichte, bot das Schreiben Raum für Reflexion und biographische Tiefe. Von niedrigschwelligen Einstiegsübungen auch für das gemeinsame Arbeiten über biographische Interviews bis hin zu eigenständigen Texten und Comics wuchs das Projekt prozesshaft, mit integrierten gemeinsamen Übungen (3er Panel - einer beginnt, die anderen zeichnen die Geschichte weiter oder ein gemeinsames Comic, 2er Gruppe alt/jung). Eine Seniorin bemerkte: „Die Entdeckung, dass junge Menschen mit Comics eine coole Ausdrucksform gefunden haben, hat mich für sie eingenommen.“
Diese Offenheit führte zu unmittelbarer Wirkung. Menschen unterschiedlichen Alters die sonst wenig Berührungspunkte haben, arbeiteten Schulter an Schulter, tauschten Ideen aus und fanden unerwartete Gemeinsamkeiten: „Wir sind beide Kämpferinnen“ (13 und 68 Jahre). Eine Teilnehmerin probierte eine partizipative Übung später sogar mit Freundinnen zu Hause aus, während die Gruppe im Pflegeheim eigene kleine Formate entwickelte, um die Begegnungen fortzuführen. Die Gewinnung der Teilnehmenden war anspruchsvoll, da sehr unterschiedliche Gruppen angesprochen werden mussten. Diese Herausforderung führte jedoch auch dazu, dass wir die Institutionen und den Stadtteil intensiver kennenlernten.
Die Teilnahme war freiwillig und alle konnten täglich neu entscheiden, ob sie weiter mitmachen wollten. Einige setzten einzelne Tage aus, weil sie einen wichtigen Termin in der Schule oder im Alltag hatten, alle blieben jedoch bis zum Ende dabei. Offene Fragen prägten den Prozess: Wer kommt am nächsten Tag wieder? Welche Themen und Methoden greifen wir auf? Arbeiten wir individuell oder gemeinsam? Das entschied die Gruppe jeden Tag neu.
Die Gruppe war äußerst heterogen – von 12 bis 92 Jahren, von Einzelpersonen bis zu organisierten Gruppen wie der Seniorenakademie, manche bereits erfahren im Umgang mit künstlerischen Methoden, andere ohne Vorerfahrung. Entsprechend wechselten auch die Ansätze, die ab dem zweiten Tag, nach einer Grundeinführung in den Methoden, von den Teilnehmenden selbst gewählt wurden.
Besonders im Pflegeheim waren die gestalterischen Möglichkeiten zum Teil stark eingeschränkt, was so nicht geplant war. Hier übernahmen die Projektleiter das Zeichnen und Schreiben. Die Ergebnisse wurden anschließend, sehr berührend mit Tränen und Lachen, gemeinsam reflektiert und diskutiert. So konnte trotz unterschiedlicher Voraussetzungen jeder aktiv am Prozess teilhaben, trotz gesundheitlicher Einschränkungen. Es ging also nicht nur um Comics und Texte, sondern auch um Erfahrungen: Wie es ist, wenn Menschen von vier Generationen miteinander Geschichten weiterspinnen. Ein beteiligter Autor formulierte es in seinem Essay für die Radiosendung als „das Entstehen einer Kultur des Zuhörens“. Die Impulse wirken über die Projektwochen hinaus: Pflegeheim Bewohner*innen äußerten den Wunsch, regelmäßig die GEH8 zu besuchen; Ältere tauschten Telefonnummern mit Jugendlichen aus, um in Kontakt zu bleiben. Mit der 145. Oberschule sind neue gemeinsame Projekte in Planung, ebenso regelmäßige Ausstellungsführungen. Auch die Dresdner Nachbarschaft 60+ wird künftig regelmäßig Führungen durch Ausstellungen der GEH8 erhalten.
Das Projekt wurde kostenintensiv durch die Produktion einer Radiosendung, durch drei Ausstellungen und der Erstellung eines Buches im GEH8-Verlag. Jedoch wird gerade durch diese kostenintensivere Dokumentation eine Nachhaltigkeit erzeugt. Andere können darauf zugreifen und die Erfahrungen und Erkenntnisse nutzen.
Gemeinsam mit allen Kooperationspartnern wird für 2026 ein weiteres transgenerationales Projekt in der GEH8 entwickelt, das die Erfahrungen verstetigt und die nachhaltige Wirkung im Stadtteil sichert. Die Projektwochen haben eindrücklich gezeigt, wie künstlerische Methoden Verständigung fördern und demokratische Werte erfahrbar machen. Teilnehmende entschieden selbst, welche Geschichten erzählt werden – jede Perspektive hatte denselben Wert. So wurde Teilhabe nicht nur benannt, sondern gelebt: Demokratie entstand im Tun. Ein 92-jähriger Teilnehmer brachte es auf den Punkt: „Wir leben hier zusammen – da schmeckt mir nicht alles. Aber das ist eine Chance, machen wir etwas daraus, Stoff gibt es genug“. Darüber hinaus wirkte das Projekt als Brücke im Stadtteil: Es verband Schule, Bibliothek, Seniorenakademie, Nachbarschaftsinitiativen und ein Pflegeheim. Ausstellungen, Broschüre und Radiosendung tragen die Ergebnisse in die Öffentlichkeit und machen eine „Kultur des Zuhörens“ sichtbar, die über die Workshops hinaus nachhallt. So stärkten die Projekte nicht nur den künstlerischen Ausdruck, sondern vor allem das Gefühl: Wir sitzen alle im selben Boot.
Ein 92-jähriger Teilnehmer brachte es auf den Punkt:
„Wir leben hier zusammen – da schmeckt mir nicht alles. Aber das ist eine Chance, machen wir etwas daraus, Stoff gibt es genug“.






